Fuchs, Thomas
Alleingelassen [Roman]
Buch

Rezension: "Vier Kinder leben monatelang allein" - vielleicht war es ja der auf den letzten Seiten des Buches abgedruckte Artikel aus dem Berliner "Tagesspiegel" vom 28. April 2007, der den Anstoß zu Thomas Fuchs' Roman gab. Jedenfalls erzählt der Berliner Autor in "Alleingelassen" eine ganz ähnliche Geschichte. "Es war wirklich geil, endlich ganz normal zu leben", findet sein 13 Jahre alter Ich-Erzähler John. "Wer Gerichtsvollzieher, Kinderheim, Zwangsräumung, nächtliche Polizeidurchsuchungen kannte, der stand auf Langeweile. [.] Das fühlte sich so gut an. Wenn man morgens aufwachte und es saß kein Problem neben einem am Bett ." Und deshalb setzt John alles daran, das nie wieder erleben zu müssen: "Die Hartz-IVer waren eine eigene Gruppe auf dem Schulhof, machten ihre eigenen Dinger. Ich wollte nicht wieder bei denen landen, ich gehörte nicht mehr in dieses Milieu." Immer wieder mussten John, Carmen (10) und Maik (7) in den vergangenen Jahren mit der Mutter umziehen. Weil die wieder einmal ihren Job verloren hatte, kein Geld für die Miete mehr da war. Oder ein neuer Vater mit Haus und Garten, der dann plötzlich wieder weg war. Mit der neuen Wohnung soll nun alles anders werden. John ist sich ganz sicher: "Diesmal würde es klappen. Diesmal musste es klappen. Schließlich waren wir genau deshalb umgezogen. Hatten neu angefangen." Ehrgeizig treibt John seine Pläne voran. In der Schule gehört er zu den Besten, mausert sich mit Hilfe von Internet, Schul- und Kirchenbasaren zu einem wahren Meister im Organisieren von Kleidung und allem, was man sonst noch braucht, nimmt seiner Mutter nicht nur Behördengänge und Gespräche mit Lehrerinnen und Lehrern der jüngeren Geschwister ab, sondern eigentlich auch deren Erziehung, kocht, wäscht, putzt und kauft ein. Dass "Familie Mertens" kein Geld hat, darf keiner mitbekommen. Selbst Miriam nicht, in die John sich kurz darauf verliebt. Eine Weile klappt alles prima. Doch dann lernt Johns Mutter einen neuen Mann kennen, wird schwanger, kündigt ihre Arbeitsstelle - und lässt ihre Kinder immer öfter und länger allein . Eindringlich schildert Fuchs Johns verzweifelten Kampf gegen den (Wieder-) Abstieg. Neben der authentischen Sprache seines Ich-Erzählers sind es auch die sehr genau recherchierten Lebensumstände, die der Autor einfließen lässt und die seinen Figuren Profil geben, ohne den Roman im Ganzen zu überfrachten. Christine Biernath stellt in "Leben auf Sparflamme" eine Ich-Erzählerin in den Mittelpunkt. Im Gegensatz zu John lebt Jessie noch in einer intakten Familie. Doch seit der Vater arbeitslos geworden ist, werden die Geldsorgen von Tag zu Tag größer. "'Keinen Salat', sagte meine Mutter und strich sich müde eine Haarsträhne hinters Ohr. 'Heute ist doch schon der fünfundzwanzigste, Jessie.'" Mit Freunden ins Kino gehen, im Verein Fußball spielen, Nutella, Wurst oder Käse auf dem Frühstücksbrot - was für viele Teenager selbstverständlich ist, ist für Jugendliche aus schwierigen finanziellen Verhältnissen Luxus. Auch Biernaths Roman vermittelt, was arm sein bedeuten kann. Das schmucke Einfamilienhaus im Grünen hat Jessies Familie verkaufen müssen, ist stattdessen in eine kleine Mietwohnung in einer Hochhaussiedlung gezogen und wie John und seine Geschwister irgendwann auf Lebensmittel von "der Tafel" angewiesen. Im Gegensatz zu Fuchs' "Alleingelassen" vermag "Leben auf Sparflamme" aber nicht wirklich zu berühren. Während Johns wachsende Anspannung und Verzweiflung auf die Leser überspringen, bleibt Biernaths Protagonistin seltsam blass. Und das, obwohl (oder gerade weil?) die Autorin wirklich viel in ihren Roman gepackt hat. Vom depressiven Vater über die überforderte Mutter bis hin zum eBay-süchtigen Großvater. *ag* Andrea Duphorn


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Schlagwörter: Verwahrlosung

Interessenkreis: Jugendroman

Fuchs, Thomas:
Alleingelassen : [Roman] / Thomas Fuchs. - 1. Aufl. - Würzburg : Arena-Verl., 2008. - 169 S.
ISBN 978-3-401-02739-5 : 5,95

2009/0448 - Romane und Erzählungen für Jugendliche ab 12 Jahre - Signatur: Fuchs - Buch