Suter, Martin
Allmen und die Libellen Roman
Buch

Was ist zuerst da, die kriminelle Energie, die einen kriminell guten Lebensstil ermöglicht, oder der gepflegte Lebensstil, der in die Kriminalität mündet? In der fiktionalen Welt Martin Suters jedenfalls gibt es einen starken Zusammenhang zwischen Wirtschaft, Erfolg und Kriminalität, wie er in Tausenden Business-Glossen unermüdlich dargestellt hat. So ist es fast logisch, dass der Autor sich für skurrile Erzählungen jetzt einen Helden aufgebaut hat, der Tag und Nacht im halbseidenen Milieu des Geldes herum rudert. Allmen führt letztlich einen primitiven Namen, der bohrend darauf hindeutet, dass die Vorfahren einmal auf den Almen gelebt haben. In diesem Gefühl aus Minderwertigkeit und Sehnsucht nach Luxus hat sich der Lebemann fein in der Gesellschaft eingerichtet, seine Hauptleistung besteht ja wohl darin, Erbe zu sein und einen feinen Lebensgeschmack zu entwickeln. Als Leser segelt man nun an der Hand dieses versnobten Kultur-Guides durch Schlafzimmer, edle Stoffe, Restaurants und Kulturgegenstände. Man darf ein Bonvivant sein, ohne sich um Moral oder Wahrscheinlichkeit Gedanken machen zu müssen. In einer Orgie dekadenten Lebensstils werden alle Gegenstände in Anwendung gezeigt, die sonst nur in Nobelmeilen in der Innenstadt teurer Städte angepriesen werden. Wem diese schaurig sinnlose Konsum-Tour zu wenig ist, der darf sich auf das Pony einer Kriminalstory setzen und eine Runde reiten. Allmen nämlich stiehlt während einer nächtlichen Begattung im Luxusdesign fünf wertvolle Jugendstilschalen, die er teils mit transzendentem Blick begutachtet, teils einfach in Frottee wickelt und zu Geld machen will. Aber er staunt nicht schlecht, als sich heraus stellt, dass diese Schalen selbst schon einmal gestohlen worden sind, und dass in höheren Kreisen Kunstgenuss immer Kunstklau bedeutet. Selbst die Aufklärung dieser edlen Verbrechen strotzt oft noch von Wollust und Kunstgenuss. "Ich war verliebt. Ja. Verliebt in fünf Glasschalen. [.] Ich konnte dieses Vergnügen mit keinem Menschen teilen. Es war eine einsame Leidenschaft. Aber das hat mir nichts ausgemacht. Im Gegenteil: Genau darin bestand der Reiz der Sache. Es war etwas, das mir ganz allein gehörte. Sie haben einen dieser Menschen vor sich, die unverkäufliche, weil gestohlene Kunstwerke horten. Ausschließlich zu ihrem privaten, persönlichen unteilbaren Vergnügen." (154) Martin Suters Business-Krimi erweckt im Leser das gleiche Gefühl wie bei seinen Glossen. Einerseits möchte man wissen, wie diese Typen ticken, die sich den Kapitalismus unter den Nagel gerissen haben, andererseits ist man von deren Hohlheit ziemlich angewidert und so lässt man jeden Nachahmungstrieb vorzeitig fahren. Irgendwie ein Konsumtrottel-Kritiker-Roman. Helmuth Schönauer


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Interessenkreis: Roman

Suter, Martin:
Allmen und die Libellen : Roman / Martin Suter. - Zürich : Diogenes-Verl., 2011. - 194 S.
ISBN 978-3-257-06777-4 fest geb. : ca. Eur 19,50

2011/0116 - Schöne Literatur - Signatur: Suter - Buch