Rygiert, Beate
Der Nomade Roman
Buch

Die Männer des Wüstenvolkes der Imajaghen, der "Freien Menschen", tragen Blau, vom Kopftuch, das nur Sehschlitze für die Augen frei lässt, bis zum langen Hemd und zur weiten Hose. Der zwölfjährige Idrisa, Sohn eines Karawanenführers, setzt seinen Willen durch und darf zur "Wüste aus Wasser" reisen, wo die Verwandten seiner Mutter leben. Als sein Blick über die endlose Wasserfläche schweift und er die Farben bewundert, die nach der sandigen Wüste so fremdartig sind, sieht er in der Ferne etwas Weißes, das schnell näher kommt. Im Gegensatz zu seinen Vettern flieht er nicht, sondern wartet. Schiffe legen an, er geht den Männern mit zum ehrfürchtigen Gruß erhobenen Armen entgegen, wird zu seinem maßlosen Erstaunen gepackt, bewusstlos geschlagen und auf das Schiff gebracht. Er wird dem portugiesischen Königssohn im Jahr 1418 als Geschenk gebracht, der Erste, den sie von den Küsten Afrikas brachten. Dom Henrique, genannt der Seefahrer, drittältester Königs-sohn, ist hoch erfreut über das kostbare Geschenk. Er lässt den Jungen auf den Namen Sebastiao taufen, kleidet ihn nach örtlichem Gebrauch ein und lässt ihn an seiner Seite leben, lesen und schreiben lernen, bringt ihm die christliche Glaubenslehre bei und ist immer wieder erstaunt über die Fragen und Antworten seines Schützlings. Nur den blauen Schimmer, den alle Imajaghen ihrer Kleidung wegen haben, kann er nicht abschrubben, das kommt von selbst, nach einiger Zeit. Erst nach vielen Jahren merkt Idrisa, dass er kein Gast ist, der Kommen und Gehen darf nach Belieben, sondern ein Gefangener, zwar mit jeglichem Komfort aber unfrei. Schwierig ist die Gratwanderung zwischen den beiden Kulturen, zu keiner der beiden kann er sich zugehörig fühlen. Er wird Franziskanermönch, um von Dom Henrique Abstand zu gewinnen und um seiner unmittelbaren Kontrolle zu entrinnen, aber auch der fremde Glaube kann ihn nicht überzeugen. "Ich war der Erste, und wenn ich auch im Vergleich zu jenen, die nach mir kamen, unendlich viele Privilegien genoss, so bin ich doch seit jenem Tag meiner Entführung nichts anderes als ein Sklave gewesen. Und meine Folter ist die Zerrissenheit zwischen diesen beiden Kontinenten, zwischen zwei möglichen Leben, von denen ich keines wirklich leben konnte." [S. 168] Wer in Beate Rygierts Erzählsog kommt, für den gibt es kein Entrinnen. Neben den Weisheiten eines Wüstenvolkes, dem zentralen Thema Freiheit, findet die Leserin auch Parallelen zum Jetzt und Heute: im Namen des christlichen Glaubens werden Kriege geführt, Länder unterworfen, zum einzigen Zweck der Ausbeutung und Bereicherung. Das Gold der damaligen Zeit ist heute das Erdöl geworden. Und Kriege und Unruhen toben immer noch über die Bevölkerung dahin. Unbedingt Lesen.


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Standort: Historisch

Schlagwörter: Tuareg Sahara

Interessenkreis: Historischer Roman

SL Rygi

Rygiert, Beate:
¬Der¬ Nomade : Roman / Beate Rygiert. - [München] : Claassen, 2004. - 175 S.
ca. € 15,40

2016/0279 - Schöne Literatur - Buch