Fritsch, Valerie
Winters Garten Roman
Buch

Quelle: Pool Feuilleton; Seit Jahrhunderten gilt der Garten sowohl in seiner floristischen als auch in seiner literarischen Form als der Inbegriff für das Paradies. Valerie Fritsch stellt in ihrem Weltuntergangs-Roman "Winters Garten" einen Anton Winter als Endzeithelden vor, der sich mit einem Garten noch eine Zeit lang hinaus rettet in den endgültigen Untergang. Am ehesten ist eine schlimme Welt noch als Kind auszuhalten, weil das Kind prophylaktisch alles einmal unschuldig und arglos nimmt. Anton Winter hat seine Kindheit in einem Garten verbracht oder umgekehrt seine Kindheit zu einem Gartenerlebnis umfunktioniert. "Man legte das Ohr auf den Boden, um die Verstorbenen zu hören." (12) Später wird er Einzelgänger, der vom Garten nur langsam loslässt und in der Hauptsache Vögel züchtet. "Immer noch war das Leben ein Warten." (47) Spät und unverhofft stößt Anton dann doch noch auf Frederike, die sofort die Frau seines Lebens wird. "Jeder Leib war in Haut gewickelt wie in Geschenkpapier." (60) Plötzlich beginnen die beiden, die offensichtlich bislang in ihrem Innern Wörter herum geschaufelt haben, miteinander zu reden und ab und zu überfällt sie ein Meer von Bildern, die ineinander verkrallt sind. Natürlich will Frederike ein Kind, aber für Anton ist die Weltlage zu riskant. So verbringt die Abgeblitzte viel Zeit auf den Gebärkliniken und schaut den Schwangeren zu, wie sie ihre Kinder pünktlich zum Weltuntergang hervorbringen. Nicht nur die Welt, auch das Leben der Individuen geht dem Herbst entgegen, die Uhren sind abgeschafft, das Leben fühlt sich an wie unter Glas, plötzlich taucht der Bruder von Anton auf, er will noch einmal in den Garten. Er hat freilich seine Tochter mitgebracht, die ihm draußen in der Welt offensichtlich zugeflogen ist, jetzt haben die Endzeitmenschen auch noch ihr Kind und ziehen sich in den Garten zurück und erwarten den Winter. Tatsächlich geht die Welt unter, aber man merkt es nicht, denn in den Träumen fuhrwerkt sie als Musik fort. Valerie Fritsch arbeitet mit dick aufgetragener Innigkeitssprache, die vor nichts zurückschreckt. Die Figuren sind in den eigenen Gefühlssedimenten eingebunkert und gehen ihrer Versteinerung entgegen. Der Garten entpuppt sich als Weltall voller botanischer Sternschnuppen und Jahreszeiten voller Milchstraßen. Ein Garten lässt sich mit allem vergleichen, er lässt sich semantisch reduzieren auf die pure Existenz, er lässt sich barock überwuchern durch Chiffren und mehrdeutige Satzteile. Der Garten ist wahrscheinlich das Ei des Lebens, voller Romantik, Schwermut und Schwerkraft. Wirklich einsame Helden tragen immer einen Garten als Außenhaut um sich herum durch die Gegend. - Ein Roman voller Einfachheit und voller Rätsel! Helmuth Schönauer


Rezension


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Personen: Fritsch, Valerie

Fritsch, Valerie:
Winters Garten : Roman / Valerie Fritsch. - Berlin : Suhrkamp, 2015. - 154 S.
ISBN 978-3-518-42471-1

Zugangsnummer: 2327
Belletristik allgemein - Signatur: D0 Fri - Buch