Dorn, Thea
Die deutsche Seele
Buch

Mit 64 Stichwörtern zwischen "Abendbrot", "Gemütlichkeit", "Waldeinsamkeit" und "Zerrissenheit" erkunden die Schriftsteller Dorn und Wagner die Höhen und Abgründe der deutschen Identität.

Rezension

Was ist "deutsch" oder "typisch deutsch"? Darf man das heute noch fragen? Thea Dorn (Jg. 1970, schreibt Krimis, Theaterstücke, Sachbücher und moderiert Literatursendungen) und Richard Wagner (Jg. 1952, geboren in Rumänien, Romanautor) meinen: Man muss sogar! Sie sehen die Gefahr, dass Deutschland sein kulturelles Gedächtnis verliert. Die einen scheuen jegliche Rückbesinnung wegen der geradezu masochistischen Scham angesichts der Verbrechen des Nationalsozialismus, die anderen haben sich in der schönen neuen Welt zwischen Fernseher und Kühlschrank eingerichtet und scheinen sinnfrei glücklich. Dorn und Wagner meinen dagegen: "Jemand, der nicht weiß, wo er herkommt, kann auch nicht wissen, wo er hinwill." Deshalb haben sie sich auf Wanderschaft begeben und auf die Suche nach der deutschen Seele gemacht. In 64 Stichwörtern erkunden sie deren Höhen und Abgründe, scheinbare Banalitäten und Absonderlichkeiten (wo, außer im Deutschen, gibt es den schönen Begriff "Waldeinsamkeit"). Von "Abendbrot" bis "Zerrissenheit", von "Bauhaus" bis "Wurst" reicht das Spektrum und es ist ein pures Vergnügen, den beiden auf ihren Erkundungen zu folgen. Denn sie bieten keine streng wissenschaftliche Übersicht, was nur in einem Desaster hätte enden können, sondern schlagen kraftvolle Bögen in die deutsche Mentalitätsgeschichte und stellen es dem Leser dabei frei, wie bei einer Enzyklopädie brav dem Alphabet von A bis Z zu folgen oder, anhand der Wegweiser, die sich am Ende jedes Eintrags finden, zwischen den Themen hin- und her zu springen. Beide Autoren schöpfen aus einem breiten, staunenswert tiefen Wissen und vermögen dies auf informative und zugleich höchst unterhaltsame, nicht selten leicht ironisch im Ton, zu vermitteln, was den Beiträgen eine angenehme Leichtigkeit verleiht. Bei aller spürbaren Sehnsucht werden in den Texten allerdings die dunklen, hässlichen Seiten der deutschen Seele nicht verklärt oder beschönigt. Die Beiträge von Richard Wagner sind mehr kulturhistorisch bodenständig, während Thea Dorn sich mit Verve ihrer Themen eher literarisch annimmt und in geradezu atemberaubendem Tempo durch die Kulturgeschichte eilt. Die Einträge "Musik" (38 Seiten) und "Das Weib" (33 Seiten) ragen dabei besonders heraus. Illustriert sind diese vorzüglichen Texte mit außergewöhnlichen farbigen Abbildungen (z.B. Gemälden von Caspar David Friedrich und Ludwig Richter, alten kolorierten Fotos, Karikaturen usw.) Dieses, im wahrsten Sinne des Wortes, gewichtige Buch ist ein Lese-Vergnügen der ganz besonderen Art. Es hat bereits jetzt das Zeug zum Klassiker und ist für jeden kulturgeschichtlich interessierten Leser ein Muss.
Für Bibliotheken mit kulturgeschichtlich interessiertem Publikum sehr empfohlen. (Am besten zusammen mit der Audiofassung. ISBN 978-3-89964-454-8. d. Red.)

[Quelle: Evangelisches Literaturportal e. V.:Rezensent: Wolfgang Vetter]


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Weiterführende Informationen


Personen: Dorn, Thea Wagner, Richard

Schlagwörter: Deutschland Geschichte Kultur Mentalität

Ga Dor

Dorn, Thea:
Die deutsche Seele / Thea Dorn; Richard Wagner. - 4. Auflage. - München : Albrecht Knaus Verlag, 2011. - 560 Seiten : Illustrationen
ISBN 978-3-8135-0451-4 Festeinband : EUR 30,00

Zugangsnummer: 2020/0950 - Barcode: 2-3020002-7-00032199-0
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